Wenn man nach 40 Minuten nachschaut, ob der Film gleich schon vorbei ist ...


... muss das absolut kein schlechtes Zeichen sein, meine Lieben. Und schon gar nicht in Jordan Peeles "Leg das Kissen bereit"-Kinofilm "Us"!


Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie einen Film gleichzeitig auf der einen Seite so absolut fantastisch mitreißend und auf der anderen Seite unlogisch gefunden. Am liebsten wäre es mir, wenn ihr den Film schon gesehen habt, dann können wir nämlich in Ruhe darüber diskutieren und tratschen! Für alle, die den Film (noch) nicht gesehen haben, ich gebe euch später, wenn es um das Ende geht, den provisorischen Spoiler Alert!


I define 'social thriller' as thriller and horror movies where the ultimate villain is society.” Jordan Peele

Zunächst: Jordan Peele ist ein Genie. Schon sein erstes Projekt "Get out" knistert, ist unheimlich spannend und fesselnd inszeniert. Auch "Us" bringt all das mit sich und lässt einen emotional durch Himmel, Hölle und Santa Cruz rennen - bis man am Ende plötzlich stutzt. Und tatsächlich ist es schlicht unmöglich darüber zu sprechen, ohne den Twist zu verraten, deshalb lasst mich euch zunächst kurz erzählen, worum es in diesem Film geht.


Der Film


Adelaide Wilson (verkörpert durch Lupita Nyong'o) und ihre Familie fahren für den Urlaub an den Ort, an dem Adelaide als Kind ein traumatisches Erlebnis hatte. Nachdem sich über den Tag verteilt immer wieder kleine Zufälle ereignen, werden sie in ihrem Ferienhaus von Doppelgängern angegriffen, die aus einem unterirdischen Labor entkommen sind. Angeführt werden diese von Adelaides Doppelgängerin Red.

Red erklärt, dass es sich bei den Doppelgängern, die sie "the Tethered" (die Gefesselten) nennt, um Klone der oben lebenden Menschen handelt. Das Labor hatte unter- und versucht ihre Gegenstücke an der Oberfläche zu kontrollieren. (GEMEIN?!)





Zora Wilson & Umbrae

(Der Preis an das gruseligste Lächeln geht definitiv an Umbrae.)









Gabe Wilson & Abraham










Jason Wilson & Pluto










Adelaide Wilson & Red








Als das Experiment fehlschlug, wurden sie aufgegeben. Die Gefesselten haben

keinen eigenen Willen und sind so gezwungen das Verhalten ihrer Originale unbeholfen und tollpatschig nachzuahmen. Red ändert dies und führt sie in die Welt hinauf, um diese Originale zu töten und deren Plätze einzunehmen.


"Es ist eine Metapher für ein geteiltes Amerika der privilegierten Habenichtse und der unsichtbaren Habenichtse." Jordan Peele


So weit, so klug


Ich finde, dass der Inhalt allen Horror-Liebhabern definitiv Lust macht den Film anzusehen. Vor allem, weil der Film eine einzige, große, schmerzlich zutreffende Metapher ist. Und an dieser Stelle möchte ich auch jeden, der vor hat ihn sich anzusehen, losschicken um auf den nächsten "Buy/Rent This Movie" Button zu klicken. (Und natürlich wieder zurück zu kommen um mir eure Meinung zu sagen!)

Denn, auch wenn ich jetzt gleich anfange über das Ende zu sprechen und dass Jordan es sich meiner Meinung nach bei einigen Details um des Effekts Willen zu leicht gemacht hat, ich finde den Film immer noch extrem empfehlenswert! Doch...


Kommen wir zur Ananas auf der Pizza

Ganz am Ende des Filmes dreht Peele das Drehbuch um. Er enthüllt während eines dramatischen Monologs von Red, dass Adelaide und Red sich in der Kindheit in einem Spiegelkabinett begegnet sind und die junge Gefesselte griff die wahre Adelaide an, kettete sie unten in den Laborschlafräumen an ein Bett und nahm ihren Platz oben ein. Die Figur, die das Publikum als Adelaide kennengelernt hat, ist also eigentlich das im Labor erschaffene Duplikat. Und Red, die wir als das vermeintliche Monster kennenlernen, das versucht Adelaides Leben zu stehlen, ist eigentlich das Originalkind, das nur versucht sich zurück zu holen, was ihm genommen wurde. Der erste Gedanke ist tatsächlich zunächst:

Aber dann:

Ok, halt.

Ja: Es ist eine verblüffende Kehrtwendung, die man – obwohl in fast jedem Doppelgänger-Film aufgegriffen – nicht kommen sieht. Man sieht sie nicht kommen, weil sie im Konstrukt der erzählten Gegebenheiten oft keinen Sinn macht. Oft, denn: Peele legt zuvor durchaus ein paar Brotkrummen, um diesem Twist Boden zu geben.


Zum Beispiel: Als Adelaide als Kind nach der traumatischen Begegnung mit ihrer Doppelgängerin stumm bei einer Psychiaterin sitzt und ihre Eltern dieser sagen, sie wünschen sich ihre Tochter vor dem Vorfall zurück. Wie Recht sie damit haben, wissen sie nicht. Denn dort sitzt tatsächlich nicht mehr ihre Tochter sondern eine ehemals Gefesselte, die völlig überwältigt ist vom Leben an der Oberfläche und noch nicht gelernt hat zu sprechen, kommunizieren und sich anzupassen.

Ein weiterer Brotkrummen: Die Art und Weise, wie Adelaide sich am Ende zielsicher im Labor zurecht findet, als sie versucht ihren von Red entführten Sohn zu finden. Klar, sie hat viele Jahre dort gelebt.


Viel spricht dagegen


Trotzdem, ergibt die Wendung Sinn? Das Schwierigste an der Geschichte ist die Frage, wie Reds Leben aussah, nachdem Adelaide sie in dem Labors zurückgelassen hatte. Es scheint keinen Grund zu geben, warum ein zwar ängstliches, verzweifeltes, aber kluges Kind nicht irgendwann den Weg zurück an die Oberfläche gefunden haben sollte. Der Weg scheint kompliziert zu sein, aber ohne nennenswerte Hindernisse oder Fallen. Warum sollte die ursprüngliche Adelaide angesichts des Elends dort unten und ihrer klaren Erinnerungen an die andere Welt jahrzehntelang unten geblieben sein? Die Gefesselten entkommen nicht, weil sie nicht mit unserer Klarheit und Kenntnis geboren sind, aber Red ist ein normales Kind, das allen Grund hat zu suchen, bis sie den Weg nach draußen gefunden hat.



Es wird leider noch ein kleines bisschen verwirrender


Red beschreibt, wie sie im Labor Adelaides Erwachsenenleben und Meilensteine gespiegelt hat: Das Treffen mit Adelaides Ehemann, das Kinderkriegen und die Komplikationen während der Geburt. Nur Reds unbeholfene Spiegelbilder derselben Ereignisse waren der stumme aber brutale Doppelgänger des Ehemannes als (Bett-) und Lebenspartner und ihren Körper ohne Betäubung aufreißen zu lassen, um beim Kaiserschnitt ihre eigene gefesselte Version eines Sohnes zur Welt zu bringen.


Aber warum?


Es ist mir rätselhaft, denn ursprünglich waren doch die Gefesselten dazu verdammt, die Aktivitäten ihrer Originale an der Oberfläche nachzuahmen und nicht umgekehrt? Ursprünglich war Red das Original. Was hat sie dazu gebracht im Labor nur noch die Aktionen von Adelaide zu kopieren? Und andersherum: Wie schaffte es Adelaide ihre Tethered - Verbindung zu überwinden und ein eigenständiges Leben zu führen? Ein ganz klein wenig stellt sich auch die Frage, wer im Labor hinter den Gefesselten und ihren Hasen hinterher putzt, die ihre einzige Nahrungsquelle sind. (Armer Klopfer!) Aber wir wollen nicht kleinlich werden.


@ Universal Pictures


Denn die Themen, die Peele auf wahnsinnig kluge und mal mehr, mal weniger subtile Art und Weise anspricht, sind es worauf es ankommt!


Technologie, Image & materielle Besitztümer


Peele lässt hier und da Hinweise fallen, dass wir uns manchmal zu sehr auf unsere geliebte Technologie und materiellen Besitztum verlassen. Am Anfang des Filmes versuchen die Wilsons und ihre oberflächlich befreundete Familie, die Tylers, fortwährend ein perfektes Bild aufrechtzuerhalten, in dem sie die schönen Dinge des Lebens zelebrieren. Santa Cruz, Drinks am Strand und Boote am privaten Deck.

Die Tylers repräsentieren die typische, weiße Upperclass - Familie Amerikas. Obwohl sie von außen betrachtet mehr besitzen, ist die Beziehung unter den Familienmitgliedern kühl bis fragwürdig. Ihr pompöses Ferienhaus, das Boot und das "Siri" Äquivalent "Ophelia", mit dem sie in dem Haus alles steuern, lässt sie (für uns Zuschauer ziemlich humorvoll) im Stich, als ihre Doppelgänger eindringen und sie umbringen.


Die Unterdrückten und die Klassengesellschaft

Auch die Klassengesellschaft ist ein wichtiges Thema im gesamten Film. Als Red Adelaide im Finale den Ursprung der Gefesselten erklärt, sagt sie, dass die Regierung (die hier wohl im Grunde der wahre Bösewicht ist) es zwar schaffte den Körper zu kopieren, aber nicht die Seele. Red sagt, ohne Seele gäbe es keinen freien Willen. Die Gefesselten wurden dort unten geistlos, gedankenlos und ohne Zweck zurückgelassen. Sie wurden ignoriert, vergessen und unterdrückt. Ist das Peeles Abschied vom „American way of life“, der 200 Jahre lang die Chancengleichheit im Land der Tapferen und Freien betonte, wo jeder Tellerwäscher zum Millionär werden konnte? Gab es diesen in seinen Augen überhaupt?

Die Gefesselten konnten sich erst dann vom Willen ihrer oberirdischen Versionen losreißen, als sie erkannten, dass die originale Adelaide (Red) anders war. Es bedurfte jemanden der anders war, einen eigenen Willen hatte, um all diese Menschen zu befreien.


Angst vor dem, was wir nicht kennen

Im Wesentlichen erzählt der Film auch von (US-Amerikas) unangebrachter Angst vor Außenseitern. Die Doppelgänger treten auf, als die fremde Gruppe von Menschen, die anders gestimmt sind und anderer Menschen Leben übernehmen wollen.

"Uns geht es nur darum, mit dem Finger drauf zu zeigen. Ich wollte zeigen, dass vielleicht das Monster, das wir wirklich anschauen müssen, unser Gesicht hat. Vielleicht sind wir es, das Böse." Jordan Peele

Was Peele damit sagen will, ist, dass es wir sein könnten. Wir als wir selbst. Wir als Gruppe von Menschen. Wir als privilegiertes Land. Us. Während des gesamten Films reagieren die oberirdischen Bürger von Santa Cruz, einschließlich der Familie Wilson, automatisch mit Angst, wenn sie die Gefesselten sehen. Auch wenn sie aussehen wie wir, verhalten sie sich nicht wie wir oder kommunizieren nicht wie wir, sodass wir sie sofort für den Feind erklären.

Ok, zugegeben: Die Tatsache, dass sie eine Schere schwingen, hilft nicht weiter.



Aber der Punkt ist, dass wir nicht wissen, woher sie kommen und dass wir ihre Motivationen und Erfahrungen nicht verstehen. Alles was sie wollten war endlich frei zu sein und normal leben zu können. Wenn Red sie nicht befreit hätte, wüssten wir nicht einmal von ihrer Existenz. Peele möchte, dass wir darüber nachdenken, wer wir als Gesellschaft, als Nation und als Individuum wirklich sind, indem wir unsere Denkweise in Frage stellen.

Unsere Handlungen sagen so viel über uns aus und ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, überall auf der Welt geschieht ein scheinbar fortschrittliches Ereignis auf Kosten eines darunter leidenden Menschen. Am Ende des Films fragt Red Adelaide, ob sie die Freiheit nicht gemeinsam teilen könnten, aber in unserer Gesellschaft scheint es so, als ob die Freiheit eines Menschen die Gefangenschaft eines anderen bedeutet. Als Antwort würgt Adelaide Red und bricht ihr das Genick.



I know, Marty. Deshalb belassen wir es jetzt hierbei!


Schaut euch den Film an! Ja, er hat einige Ungereimtheiten, aber ich war bei einem Film noch nie so sehr bereit sie außer Acht zu lassen.


Denn der Grund, warum ich nach 40 Minuten verwirrt nachsah, ob der Film gleich schon zu Ende wäre, war die unglaubliche Spannung (und Action), die schon nach so kurzer Zeit aufgebaut worden war. Bei den meisten Filmen muss man mindestens eine Stunde darauf warten – oder wartet vergeblich!


Ich bin sehr gespannt, was ihr dazu zu sagen habt!

Lasst es mich unbedingt wissen!






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